Predigten

Wie oft haben Sie schon beim Hören einer Predigt gedacht: "Das war ein guter Gedanke. Schade, dass ich nichts zum Schreiben dabei habe." Dem Wunsch, das gesprochene Wort zu Hause noch einmal in Ruhe nachlesen zu können, entsprechen wir auf dieser Homepage. Ausgewählte Predigten, die im Kirchenkreis Rotenburg gehalten wurden, werden auf diesen Seiten veröffentlicht.

Schauen Sie hinein, lassen Sie sich inspirieren und scheuen Sie sich nicht, zum Verfasser der Predigt Kontakt aufzunehmen, falls Sie noch Fragen oder Anregungen haben.

Natürlich sind Sie immer und jederzeit herzlich eingeladen, einen der vielen Gottesdesdienste in unserem Kirchenkreis persönlich zu besuchen. Ob Familiengottesdienste, musikalische Gottesdienste, Gottesdienste in anderer Form - die Möglichkeiten sind vielfältig, die Auswahl ist groß. Um Ihnen bei der Auswahl zu helfen, haben wir unter dem Menüpunkt "Veranstaltungen" einen Suchfilter eingebaut.

Datum
Titel
Name
So. 28.04.13
David vor Saul
David vor Saul

Predigt über 1. Samuel 16, 14 bis 23 - David vor Saul
Sonntag Kantate, 28.04.2013 in der Stadtkirche in Rotenburg (Wümme) - Hans-Peter Daub
(Die Predigt nimmt am Schluss auch Bezug auf das Sonntagsevangelium, das zuvor im Gottesdienst in der Übertragung der Bibel in gerechter Sprache mit folgender Einleitung gelesen wurde:
Das Evangelium für diesen Sonntag steht bei Matthäus im 11. Kapitel. Seit vielen Jahrhunderten gehört diese Lesung fest zum Sonntag Kantate. Wenn man die Lutherbibel im Ohr hat, weiß man vielleicht gar nicht warum. Da beginnt die Lesung mit den Worten Jesu: „Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du dein Evangelium den Weisen und Klugen verborgen hat, aber hast es den Kindern und Unmündigen offenbart.“ Da wundert man sich vielleicht noch, was eine solche Feststellung mit Kantate, mit dem Singen zu tun haben soll. Wer sich selbst für klug hält, hat es schwer mit dem Vertrauen zu Gott; - vielleicht ja auch mit dem Singen? Das Singen als Ausdruck eines kindlichen, vertrauensvollen „In-der-Welt-Seins“?
Tatsächlich steht im griechischen Text an dieser Stelle, dass Jesus selbst singt. Ich singe dir Loblieder, Gott, weil du es so ganz anders geordnet hast zwischen Großen und Kleinen, Klugen und Einfältigen. Und Jesus will, dass auch die singen können, die im Leben nichts zum Lachen haben. Darum dieser Abschnitt aus dem Evangelium an diesem Sonntag. Das wir schön deutlich in der Übersetzung der Bibel in gerechter Sprache, aus der ich jetzt lese:
Es war einer Zeit ernster Auseinandersetzungen mit den Autoritäten im Volk, als Jesus betete und zu Gott sprach:
»Ich singe dir Loblieder, Gott, Vater und Mutter für mich und mächtig im Himmel und auf der Erde! Ich singe davon, dass du das vor den Weisen und Gebildeten verborgen und es für die einfachen Menschen aufgedeckt hast.
Ja, mein Gott, denn so hast du es gewollt. Du hast mir alles mitgeteilt. Niemand kennt mich als dein Kind so wie du, väterlich und mütterlich. Niemand kennt dich so väterlich und mütterlich wie ich als dein Kind, und wie alle Geschwister, die ich darüber aufkläre.
So kommt doch alle zu mir, die ihr euch abmüht und belastet seid: Ich will euch ausruhen lassen.
Nehmt meine Last auf euch und lernt von mir: Ich brauche keine Gewalt, und mein Herz ist nicht auf Herrschaft aus. So werdet ihr für euer Leben Ruhe finden. Denn meine Weisungen unterdrücken nicht, und meine Last ist leicht.«)
Liebe Gemeinde,
an diesem Sonntag Kantate möchte ich mit Ihnen über eine biblische Erzählung nachdenken, die viele von uns vielleicht aus dem Kindergottesdienst oder aus der Grundschulzeit noch kennen, die aber in unseren Gottesdiensten selten vorkommt, schon gar nicht als Predigttext. Sehr zu Unrecht, wie ich finde. Denn es ist zwar sehr gut, wenn schon die Kinder erfahren, wie heilsam die Musik sein kann. Aber wenn sie dann groß geworden sind und das heißt ja leider nicht selten auch aus dem Singen herausgewachsen sind, ist eine Auffrischung umso notwendiger. Darum also 1. Samuel 16
Der Geist des HERRN aber wich von Saul und ein böser Geist vom HERRN ängstigte ihn. Da sprachen die Großen Sauls zu ihm: Siehe, ein böser Geist von Gott ängstigt dich. Unser Herr befehle nun seinen Knechten, die vor ihm stehen, dass sie einen Mann suchen, der auf der Harfe gut spielen kann, damit er mit seiner Hand darauf spiele, wenn der böse Geist Gottes über dich kommt, und es besser mit dir werde. Da sprach Saul zu seinen Leuten: Seht euch um nach einem Mann, der des Saitenspiels kundig ist, und bringt ihn zu mir. Da antwortete einer der jungen Männer und sprach: Ich habe gesehen einen Sohn Isais, des Bethlehemiters, der ist des Saitenspiels kundig, ein tapferer Mann und tüchtig zum Kampf, verständig in seinen Reden und schön gestaltet, und der HERR ist mit ihm. Da sandte Saul Boten zu Isai und ließ ihm sagen: Sende zu mir deinen Sohn David, der bei den Schafen ist. Da nahm Isai einen Esel und Brot und einen Schlauch Wein und ein Ziegenböcklein und sandte es Saul durch
seinen Sohn David. So kam David zu Saul und diente vor ihm. Und Saul gewann ihn sehr lieb und er wurde sein Waffenträger. Und Saul sandte zu Isai und ließ ihm sagen: Lass David mir dienen, denn er hat Gnade gefunden vor meinen Augen. Sooft nun der böse Geist von Gott über Saul kam, nahm David die Harfe und spielte darauf mit seiner Hand. So wurde es Saul leichter und es ward besser mit ihm und der böse Geist wich von ihm.
Liebe Gemeinde! Das ist eine großartige Idee, die die Großen am Hof des Königs Saul da haben: Musik gegen Depression - altes Menschheitswissen. Die Erzählung wird ungefähr in das 7. Jahrhundert vor Christus datiert. Aber heute ist es vielfältig bestätigt, natürlich durch wissenschaftliche Untersuchungen und wissenschaftlich erklärt. Im Internet wird man schnell fündig: zum Beispiel, dass bei bewusstem Hören von Musik Stresshormone im Körper nachweislich und in erheblichem Umfang abgebaut werden. Musikmedizin ist, nachdem dieses alte Wissen lange unbeachtet blieb, heute eine eigene Disziplin, die Ärztinnen und Therapeuten wieder verstärkt in den Blick nehmen. Herz-Kreislauferkrankungen, Schmerzsituationen, postoperative Heilungsprozesse, Geburtshilfe sind aus einer langen Reihe einige der Anwendungsmöglichkeiten. Und natürlich auch Burnout und Depression. Man meint auch, erklären zu können, woran das liegt: Der Herzrhythmus der Mutter ist das erste Signal im Leben eines Menschen, das die Ordnung der Welt für ein heranwachsendes Kind repräsentiert. Der erste Sinneseindruck, den das sich bildende Gehirn wahrnimmt, noch vor dem Licht. 60 Schläge in der Minute, ein ruhiger Puls. Der sogenannte „Tactus integer valor“ ist die rhythmische Grundlage unserer Musik. Lange vor der Einführung eines Metronoms haben Musiker am Puls Maß genommen, dem Grundschlag schneller wie langsamer Musiksätze.
Noch wirksamer als das Zuhören ist das eigene Singen. David wird auch gesungen haben, zur Harfe. So wird er verehrt neben Mose, der die Thora brachte, neben den Propheten in Israel: David, der Poet. Auf die Länge gesehen ist das wichtiger als sein Königsein, - oder wichtig, bedeutsam genau in dieser Verbindung: einer, der in der Verantwortung, die er trägt, den Himmel sucht und singt. 70 der 150 biblischen Psalmen werden ihm zugeschrieben: von David, oder auch für David. Und manchmal steht in den Titeln der ihm zugeschriebenen Psalmen eine Situation, in der er gerade diese Worte gesungen haben soll. Über keinem Psalm steht, das sei der, den er vor Saul gesungen hat, aber in Frage kämen viele, z.B.: „Der Herr erhöre dich in der Not, der Name des Gottes Jakobs schütze dich! Er gebe dir, was dein Herz ersehnt; und erfülle alles, was du vorhast! Dann wollen wir jubeln, weil er dir hilft. Hilf, Herr, du König! Er wird uns erhören, wenn wir rufen.“ Ob Saul mitgesummt hat, weil sein Leben Raum gewinnt in diesen Worten?
Mit dem eigenen Singen wachsen die Abwehrkräfte. Auch das lässt sich nachweisen. Eine Speichelprobe vor und nach dem Singen - und die Antikörper sind signifikant gesteigert. Und Melatonin, das den Körper im Gleichgewicht hält und uns abends schlafen lässt, und Endorphine, die Schmerzen dämpfen: Singen – ein natürliches Antidepressivum. Dass wir in jedem Gottesdienst singen, geschieht nicht allein zu Gottes Ehre, oder eben gerade doch: nämlich indem wir uns selbst aufrichten singend, die eigene Mitte spüren, den Atem, den Rhythmus, und uns auf diese Weise verbinden mit den Kräften, die uns auch durch Schweres helfen.
Eine großartige Idee der Großen am Hof: ein junger Mensch, der dem traurigen König spielt und singt, der ihn vielleicht sogar selbst ansteckt, die eigene Stimme wiederzufinden. Aber was genau ist das für eine Krankheit, an der Saul da leidet? Was ist die Traurigkeit, an die Davids Lied rühren soll?
Depression, Erschöpfung – würden wir sagen. Aber der biblische Text beginnt mit einer unheimlichen Diagnose: Gott hat seinen Geist von Saul genommen und ihm einen bösen Geist geschickt. Das klingt archaisch und für uns auch falsch: Ein böser Geist von Gott?
Der biblische Text ist im hebräischen Ursprung genauer als unsere Übersetzungen: Es ist zwei Mal dasselbe Wort, die eine Geistkraft Gottes, genommen und wiedergegeben, das Erleben göttlicher Gegenwart im eigenen Leben. Aber dem Saul hat es sich verkehrt ins Gegenteil. Gott, der ihn einst berief, scheint ihn nun zu verstoßen, der eine Gott, dem er dienen wollte, lehnt nun seinen Dienst ab. Widersprüchlich ist ihm der eigene Glauben geworden.
Der Glaube als ein Spiegel der eigenen Seele, so zerrissen wie das eigene Innere. Viele denken, der Glaube müsste dann Halt geben können. Gott in der eigenen Seele, etwas, das heil geblieben ist und kraftvoll. Dorthin kann dann jemand fliehen, Gewissheit finden in sich selbst.
Aber Saul ist tiefer zerbrochen, ist in sich selbst zutiefst verunsichert. Er ist schon König geworden wider Willen. „Ich bin aus dem Geringsten der Stämme Israels, ich bin nicht wert, König zu sein.“ Aber er wird es aus Pflicht. Von Anfang ist das Königtum ihm nichts als Kampf: mit äußeren Feinden und mit seiner eigenen Ängstlichkeit und Unsicherheit. Er will alles richtig machen, und gerade so unterlaufen ihm Fehler, die Gott zu ahnden scheint. Ein anstrengendes Leben, ein Leben, das sich für ihn so oft verkehrt anfühlt, das ihn auffrisst und auslaugt, gefangen in Plicht und Verantwortung.
Eine großartige Idee: der Junge mit der Harfe, ein Gegenklang, - die wahrscheinlich einzige Therapie für Menschen vom Charakter Sauls, für Menschen vielleicht auch wie uns: herausgehen aus sich selbst, herausgelockt werden, den Pulsschlag wieder spüren können, der schon schlug, als noch nichts sonst war, Töne hören, die nach einer anderen Welt klingen, größer, weiter, als das, was jetzt die Seele drückt. Es darf nicht das ganze Leben ausfüllen: die eigene Verantwortung, ob König oder Mutter, ob Lehrer für 150 Kinder oder Verantwortlich für eine Abteilung und ihre Mitarbeitenden. Es darf nicht das ganze Leben sein: der Kampf, den jemand selbst bestehen muss, die Anforderungen, denen er sich gegenüber sieht.
Wenn das gelingt, dann transportiert die Musik nicht das Evangelium, dann vertont sie nicht den Glauben, sondern dann wird sie selbst zum Evangelium, zur heilsamen Kraft, zur Quelle neuen Vertrauens. Mit der Musik tatsächlich in die Gegenwart zurückkehren, im Augenblick des Erklingens und Verklingens erlöst für eine Zeit von der eigenen Vergangenheit, von dem, was nicht gelungen ist, von den Fehlern, die nachgehen und niederdrücken, und im selben Moment auch nicht nach vorne sehen müssen, die eigenen Sorgen lassen, das eigene Kümmern, weil in der sich entfaltenden Melodie vor allem ein Satz klingt: Die Gegenwart ist dir geschenkt, du hast sie nicht herbeigeführt und musst auch den Augenblick, der dem Jetzt folgt, nicht machen.
„So wurde es leichter mit Saul und es ward besser mit ihm und der böse Geist wich von ihm.“ Es ist eine trostvolle Geschichte von der Kraft des Evangeliums, das uns entgegenkommt als Musik, das uns im Klang wegholt von uns selbst. Aber es folgt ein trauriger Schluss, - oder ein vorläufiger! Der Text deutet schon an, dass für Saul seine Not immer und immer wieder kehrt. Dann holt er wieder David und der muss ihm singen, aber in ihm selbst klingt das Lied nicht, findet keinen Ankerpunkt. Wenn der Junge weg ist, ist er wieder der König, und nichts als der König, der, der sorgt, der, der entscheidet, entscheiden muss, der eine Macht wahrnimmt, die ihn selbst überfordert, und der genau darum Angst hat vor Kontrollverlust in allem, - irgendwann auch gegen David, der ihm singt.
„Ich singe dir Loblieder, Gott, Vater und Mutter für mich und mächtig im Himmel und auf der Erde.“ Auf seine Weise zeigt der offene Schluss des verzweifelten Saul hinüber zu dem Davidssohn, von dem das Evangelium sagt, dass er auch singt. Jesu Heilandsruf, sein Lied, ein neues Lied: Vom Elternsein Gottes. Vom Ende der Zeit einsamer Könige und Chefs, verzweifelter Eltern und Verantwortungsträger. Von den Kindern und Unmündigen, die ihren Platz kennen und verstehen – Kinder des lebendigen Gottes, enthoben von der Sorge und der Anmaßung, das Leben regieren zu müssen. Die auch tragen, aber nicht an dem Wahn, des Glückes Schmied zu sein, die, die Lasten nehmen, die das Leben ihnen zumutet, aber nicht allein, sondern mit den Geschwistern zusammen. Lernt von mir, sagt singend der Davidssohn Jesus: Ich brauche keine Gewalt. Ich manipuliere nicht. Und ich muss auch nicht das Leben kontrollieren. Denn ich bin nicht auf Herrschaft aus. So werdet Ihr für Euer Leben Ruhe finden. Findet den Klang des neuen Liedes, das die Welt trägt. Gott kommt. Die Zukunft verdanken wir ihm. Und solche klingende Zuversicht geht dann nicht mehr weg. Amen.

So. 21.04.13
Von der Vergebung
Von der Vergebung

Gottesdienst am 21.04.2013 – „Von der Vergebung“
Michaelskirche Rotenburg (Wümme) - Hans-Peter Daub
Begrüßung:
„Jede und jeder von uns ist auf Grund des Geborenseins ein ‚Initium‘, ein eigener Anfang. Darum zeichnet das den Menschen aus, dass er Initiative ergreifen, Anfänger/Anfängerin sein und neu werden kann, jemand der Neues in Bewegung setzt.“
Mit diesem Gedanken der Philosophin Hannah Arendt heiße ich Sie herzlich zu diesem Gottesdienst willkommen. Ein interessanter Anstoß: Den Menschen nicht von seinem Ende her denken, von seiner Sterblichkeit her, sondern ausgehend von seinem Anfang, von seiner ‚Gebürtlichkeit‘ her, wie Hannah Arendt sagt. Nicht: Kaufe die Zeit aus, denn sie ist kurz und kostbar. Sondern: Achte auf die Anfänge. Bleib diesem Zauber auf der Spur, den Gott in unser Leben gelegt hat!
Für mich ist das ein österlicher Gedanke. Darum möchte ich ihm an diesem dritten Sonntag in der Osterzeit in unserem Gottesdienst Raum geben: Ostern und Vergebung – das ist dieselbe Energie: den neuen Anfang möglich machen. Beides kann niemand als Gott allein: Sünden vergeben und Tote erwecken. Aber uns schenkt er daran Anteil: Österlich leben dürfen.
In der Zeitung: Abschied von Michael – Hintergrund – Neuordnung der Seelsorgebezirke – Eine Zäsur (neben dem neuen Seelsorgebezirk, keine Mitgliedschaft mehr im KV), aber keine Trennung – auch in Zukunft enge Zusammenarbeit in der Stadt, wozu auch weiterhin eine gemeinsame Gtd.-Planung gehört.
Lange Begrüßung durch mich – Nun die Gelegenheit für Sie, sich auch wechselseitig zu grüßen. Später auch noch miteinander zu reden…
Osterlied, das den Frühling zum Symbol des neuen Lebens nimmt. Endlich!
Eine Zeile jeweils vorsingen ….
Lied: Die ganze Welt, Herr Jesu Christ … (EG 110 auf die ursprüngliche Melodie)
Überleitung
Im ersten Teil jedes Gottesdienst gibt es einen Augenblick, um zu bedenken, wo wir herkommen. Die zurückliegende Woche erinnern, die Themen, die Aufgaben und Sorgen, die wir mit uns tragen. Wir fassen sie und legen sie weg, Christus zu Füßen, wie der blinde Bartimäus, der nach Jesus ruft:
Kyrie im Wechsel (Arnold)
Überleitung zum Gloria
Und auch im ersten Teil eines Gottesdienstes, sich orientieren, die eigene Bestimmung spüren, Gottes Gegenwart wahrnehmen: Wir können, dürfen und sollen Gott Antwort geben. Wir können , dürfen und sollen uns dazu aufrichten und groß machen, denn hell und groß soll unser Lob für ihn sein.
Lob für Gott, der die Sünden vergibt. Lob für Gott, der Tote und Totes wieder lebendig macht. Gott, der uns den neuen Anfang schenkt, heute und an jedem Tag. Darum dieser Lobvers: Ehre, Lob und Preis sei dir Gott!
Liedvers: Ehre. Lob und Preis sei dir Gott!
Gebet
Gott, jeden Augenblick fällt eine Tür ins Schloss, ist ein Urteil fertig, geschehen Dinge zwischen uns, die nicht mehr weggehen: große, aber meistens ganz viele kleine Verletzungen, Unachtsamkeiten, Grobheiten, der Blick auf das Eigene, das Übersehen des anderen. Wir kommen nicht hinterher, das wieder in Ordnung zu bringen. Wenn wir es denn überhaupt merken. Ja, bei uns selbst merken wir es schon. Da geht so eine Kränkung nicht schnell wieder weg. Die erinnern wir manchmal auf ewig.
Gott, der Du am Ostermorgen den Stein ins Rollen gebracht hast, brich diese toten Geschichten auf, schenke uns einen neuen Anfang, neue Anfänge, - je älter wir sind, desto mehr. Vergib uns und lass uns einander vergeben. Um der Zukunft willen. Um des Lebens willen, das Du uns jeden Tag neu schenkst. Amen.
Verzeihen und vergeben – einige Fragen, die ich mir selbst und die ich Ihnen stelle:

  • In welcher Weise ist das im Moment ein Thema: Eher dadurch, dass mir etwas getan wurde, das nachwirkt, das schmerzt und nicht wieder gut ist, das ich einem anderen, einer anderen nachtrage? Oder umgekehrt: Dass ich etwas getan habe, was ich als belastend empfinde, ein Fehler, eine Verletzung gegen einen anderen, eine Schuld?
  • Was fällt leichter: um Vergebung zu bitten oder selbst zu vergeben? Und was ist öfter nötig? Warum?
  • Wie kann ich jemandem vergeben, der mich nicht um Entschuldigung gebeten hat? Der vielleicht gar keine Einsicht zeigt oder nichts ahnt von meinem Verletztsein? Geht das? Und wenn ja, wie?
  • Habe ich schon einmal etwas erlebt, was ich oder auch andere für unverzeihlich halten? Gibt es etwas, das grundsätzlich nicht verziehen werden kann?
  • Habe ich selbst etwas getan, das unwiderruflich ist, zum Schaden eines oder mehrerer anderer Menschen? Wie kann ich damit leben? Wer weiß davon?
  • Was geschieht mit den Dingen, die nicht vergeben werden? Und was geschieht mit den Dingen, die vergeben wurden?
  • Was wird aus einem Menschen, dem nicht vergeben wird? Und wie lebt jemand, der nicht vergeben kann?

Orgelmusik
Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus!
Liebe Gemeinde!
Über den Predigttext vom letzten Sonntag aus dem Johannesevangelium habe ich drei Predigten gehört, gute, hilfreiche Predigten. Und doch oder gerade deswegen ist da etwas, was mir die Woche über nachgeht und was mich dazu bringt, einen Aspekt dieses Textes heute noch einmal zum Thema zu machen. Wie Vergebung geht. Oder noch genauer: Wie nach einer tiefen Schuld wieder etwas weitergeht, sogar neues Vertrauen entsteht, obwohl es doch nicht mehr wieder so sein wird wie früher. Und wie das beides zusammengehört: Ostern – und dass eine Lebensgeschichte trotz der Schuld, die wir auf uns laden, weiter gelebt wird, sinnvoll, bedeutsam, sogar schön.
Ich weiß nicht, ob Sie letzten Sonntag einen Gottesdienst erlebten, in dem Sie diesen Text auch gehört haben. Ein Abschnitt daraus gibt es jetzt dann für Sie auch noch einmal. Bevor er gelesen wird, will ich kurz den Zusammenhang erläutern, wie ihn der Evangelist Johannes sehr überlegt und voller Sinn komponiert und erzählt.
Es geht um Simon Petrus. Wie die anderen Evangelien erzählt Johannes von Simons Treuebekenntnis in den Tagen vor der Verfolgung in Jerusalem. Bedeutsam ist der Wortlaut: „Warum, Jesus, sollte ich nicht mit Dir gehen können. Ich will mein Leben für dich lassen.“ „Du willst das Leben für mich lassen? Wahrlich, der Hahn wird nicht krähen, bis Du mich 3 Mal verleugnet hast.“
So geschieht es. Bei Johannes ist die Leugnung des Petrus noch unverständlicher als bei den anderen. Denn Petrus ist nicht allein im Hof des Hohenpriesters. Ein anderer Jünger ist mit ihm zusammen, den der Hohepriester kennt und der von den Tempelwachen schon als Jesusjünger identifiziert wurde.
Aber die Tempelwachen tun ihnen nichts. Warum hat Petrus solche Angst? Er folgt Jesus, wie er es versprochen hat, und leugnet dann doch.
Wieder anders als die anderen Evangelisten schreibt Johannes nichts davon, dass Petrus im selben Moment bereut. (Bach musste für seine Johannespassion um der Dramatik willen den Satz aus dem Matthäusevangelium entleihen: dass Petrus der Worte Jesu gedachte, hinausging und bitterlich weinte. Im Johannesevangelium selbst erfahren wir nichts von Simons Reaktion. Da bleibt das so stehen.
Aber jetzt findet die Leugnung eine Fortsetzung im Rahmen der johanneischen Ostererzählungen: Nachdem der auferstandene Jesus schon erschienen ist Maria von Magdala, dann dem Jüngerkreis insgesamt im verschlossenen Raum, dann dem Thomas mit den Elf. Und dann folgt noch ein Anhang, den nur Johanes erzählt: Sie sind zurück in Galiäa. Am See Tiberias nehmen sie ihr altes Leben wieder auf, und es ist doch niemals mehr das alte. Nach dem österlichen Fischzug – wunderbare Wiederholung einer Erfahrung mit dem lebenden Jesus – und wird doch zugleich deutlich, dass es eine Wiederholung nicht ist, sondern österliches Leben, Leben unter der Voraussetzung, dass der Tod das Leben nicht bestimmt, vertrauendes Leben, das das Evangelium wiederliest als die eigene Geschichte. Und genau dort findet sich eine Therapie für Simon, eine Antwort auf seine Schuld, eine Lektion ‚von der Vergebung‘:
Lesung: Johannes 21, 15 bis 17
Als sie gegessen hatten, sagte Jesus zu Simon Petrus: »Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als irgendein anderer hier?« Petrus gab ihm zur Antwort: »Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe.« Darauf sagte Jesus zu ihm: »Sorge für meine Lämmer!«
Jesus fragte ihn ein zweites Mal: »Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich?« Petrus antwortete: »Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe.« Da sagte Jesus zu ihm: »Hüte meine Schafe!«
Jesus fragte ihn ein drittes Mal: »Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb?« Petrus wurde traurig, weil Jesus ihn zum dritten Mal fragte: »Hast du mich lieb?« »Herr, du weißt alles«, erwiderte er. »Du weißt, dass ich dich lieb habe.« Darauf sagte Jesus zu ihm: »Sorge für meine Schafe!
Ob Petrus erschrocken ist, dass Jesus ihn direkt anspricht? Gerade schien alles gut - trotz der furchtbaren Geschichte, die hinter ihnen liegt, die sie getrennt hat, jeden von jedem. Aber der Fisch und das Brot, das Zusammensein am Ufer – es ist ein Wunder, dass das wieder möglich ist. Vielleicht lieber nicht daran rühren. Vergeben, vergessen?
„Simon, Sohn des Johannes“, - das ganze Evangelium über wurde Petrus so nicht angesprochen, nur ganz am Anfang, bei seiner Berufung in den Kreis der Jünger. „Du bist Simon, der Sohn des Johannes, du sollst Kephas heißen, Petrus, der Fels.“ Nichts ist vergessen. Ganz an den Anfang müssen sie beide zurück.
Von der Schuld spricht Jesus nicht, aber fraglos ist nichts mehr. „Liebst du mich, mehr als die anderen?“ Es ist schade, dass unsere Sprache die wichtige Nuance nicht wiedergeben kann, die in den ursprünglichen Worten auf Griechisch liegt: Agapas me? Agape - das ist Liebe, die sich selbst hingibt, die das eigene Leben einsetzt, die den anderen liebt wie sich selbst.
Auch wenn Jesus nicht ausdrücklich davon spricht, ist doch im selben Augenblick gegenwärtig, was Petrus versprach und woran er so kläglich scheiterte: „Ich will mein Leben für dich geben.“
Philo te. Petrus hat viel über sich gelernt. Ich habe dich lieb, wie Freunde sich lieben: Philia – das ist Freundschaft, Gegenseitigkeit auf der Basis von Selbstbestimmung. Petrus ist älter geworden und realistischer.
Aber Jesus lässt diese Dimension nicht los, noch nicht. „Weide meine Lämmer!“ Christus, das Lamm Gottes, das das Scheitern des Simon kennt, mutet ihm zu, für andere da zu sein, für andere Lämmer, die zur Schlachtbank geführt werden. Petrus kannst Du das? Kannst Du es jetzt? Agapas me?
Petrus bleibt Realist, jemand, der sich selbst im Scheitern kennen gelernt hat. „Philo te“. Ich bin dir Freund. Das weißt du doch. Spricht Jesus: Weide meine Schafe! Erwachsene Tiere, die meine Stimme kennen. Relativiert ist dein Auftrag, heruntergebrochen auf das, was dir zumutbar ist. Ihr könnt einander dienen, wie Schäfer den Schafen.
Fragt Jesus das dritte Mal, den der drei Mal verleugnete: Aber dieses Mal nimmt er selbst den Anspruch zurück: Hast du mich lieb? Phileis me? Bist du mir Freund? Da wurde Petrus traurig, dass Jesus ihn das dritte Mal fragte: Traurig, weil es das dritte Mal war? Oder vielmehr, weil Jesus das dritte Mal in dieser Weise zurückgenommen fragte, weil die Qualität der ersten Frage aufgegeben und weg ist? Agape – dass wir füreinander das Leben lassen. Der mutige, überschwängliche Vorsatz des Petrus selbst – jetzt wird er nicht mehr erwartet? Philia – Freundschaft ist auch viel. Ist auch Treue. Ist die Verpflichtung zum Ausgleich. Ist, dass man einander nicht aus den Augen lässt, ist Heilmittel gegen den Tod der Einsamkeit. Weide meine Schafe – nun vielleicht doch ohne den Anspruch des guten Hirten, der sein Leben lässt für das Verlorene, für die Lämmer. Realistisch – wir dürfen uns nicht überfordern, dürfen den falschen Eindruck nicht erwecken, als käme die Kraft zur Selbsthingabe aus uns selbst.
Jesus fügt dann doch noch an: „Wahrlich ich sage dir: Als du noch jung warst, hast du dir den Gürtel selbst umgebunden und bist gegangen, wohin du wolltest. Doch wenn du einmal alt bist, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dir den Gürtel umbinden und dich dahin führen, wo du nicht hingehen willst.« Jesus deutete damit an, auf welche Weise Petrus sterben würde und dass durch seinen Tod die Herrlichkeit Gottes offenbart würde.“
Vier Folgerungen am Schluss:
(1) Jesus spricht Petrus auf seine Schuld und sein Versagen nicht an. Nach meiner Wahrnehmung tut Jesus das im ganzen Evangelium nicht, gegenüber niemandem. Vielleicht wird das unter uns ganz falsch eingeschätzt, wie wichtig es ist, einen anderen Menschen auf seine Fehler anzusprechen, wie wichtig es ist, dass ein Mensch selbst in die Knie geht und bereut.
(2) Es ist nicht wichtig, weil es nichts über die Zukunft sagt. Aber um die Zukunft geht es. Was können wir Petrus zutrauen? Jetzt noch? Was können wir einander zutrauen? Jetzt noch? Nachdem wir auch Erfahrungen des Scheiterns und der Enttäuschung übereinander gemacht haben?
(3) Dass wir einander vergeben ist Bedingung für neues Leben. Es ist die Alltagsgestalt des Osterglaubens. „Der ist für mich gestorben“ – ist das Gegenteil des Vertrauens, zu dem der Auferstandene einlädt. Weil er uns nachgeht bis in den Tod, macht es Sinn, dass wir einander nachgehen und vergeben.
(4) Im Blick auf die Zukunft traut Jesus uns regelmäßig mehr zu, als wir es für möglich und für realistisch halten: Jesus will, dass Petrus, der sich als Feigling erwies, wieder Verantwortung übernimmt. Christus traut auch uns, die wir Grenzen haben, zu, dass wir für die Zukunft, die er will, wichtig sind. Amen.
EG 358, 1.2.4.6 Es kennt der Herr die Seinen
Lesung: 10 Thesen zur Vergebung der Kommission Justitia et Pax in Luxemburg (vgl. http://w3.restena.lu/justpaix/pdf/JusPaxT2000.pdf)

  1.  Vergebung kann ein langer Prozess sein.
  2.  Vergebung ist nicht von einem Geständnis abhängig.
  3.  Vergebung erfordert keine übereinstimmende Auffassung von der Vergangenheit.
  4.  Vergebung bedeutet, von meinem natürlichen Recht auf Rache loszulassen, beziehungsweise: Vergebung ist die beste Rache ...
  5.  Vergebung bedeutet nicht, vergessen.
  6.  Vergebung bedeutet, das Unrecht nicht immer wieder zur Sprache zu bringen.
  7.  Vergebung bedeutet nicht, das Verhalten einer anderen Person zu entschuldigen.
  8.  Vergebung bedarf vorab einer Entscheidung.
  9.  Vergebung bedeutet nicht unbedingt, erneut zu vertrauen.
  10.  Vergebung ist Voraussetzung für Neuanfang.

Einladung zum Gespräch (5 Minuten):

  • Was leuchtet mir unmittelbar ein?
  • Welche These erregt meinen Widerspruch?
  • Was nehme ich mit selbst neu vor?

Lied: Wie ein Fest nach langer Trauer (mit Klavier)
Fürbittengebet mit Kyrievers:
Kyrie eleison (Taizé)
Gott, in unserer Welt geschehen furchtbare Dinge. Bestürzt über die Gewalt dieser Zeit klagen wir dir: Was geht in Menschen vor, die für ein Sportfest Bomben bauen? Auf welche Zukunft hoffen Befehlshaber und Piloten, die die Städte ihrer eigenen Heimat zerstören? Was bewegt unsere Regierung in dem so grausam absurden Wettbewerb der Waffenexporteure dieser Welt mit immer gefährlicheren Lieferungen den dritten Platz zu erringen? Gewalt erscheint als der Königsweg in den Konflikten unserer Zeit. Aber du, unser König, unsere Hoffnung, hast einen anderen Weg gewiesen. Darum rufen wir zu dir:
Kyrie eleison (Taizé)
Einander vergeben, Schuld vergeben heißt auch: Schulden vergeben. Was uns anvertraut ist so zu teilen, dass viele leben können. Geld nicht zu horten, sondern im Fluss zu halten, freimütig leihen und verschenken. Dem Mammon nicht zu opfern – auch wenn noch so viele Experten seine Liturgie singen. Aber die Geldtürme ragen in den Himmel und unvorstellbare Schulden bringen immer mehr Menschen und Völker in bittere Not. Darum klagen wir dir himmelschreiende Ungerechtigkeit:
Kyrie eleison (Taizé)
Gegen die Nachrichten jeden Tag erscheint unsere Not klein. Aber es ist unser Leben, unser einziges, kleines Leben. Wie leicht wir es einander vergällen. Wie schwer es ist, unvoreingenommen aufeinander zuzugehen. Wie lang wir Böses einander nachtragen und wie leicht wir das Gute übersehen, das uns entgegenkommt. Lehre uns die Kunst der Vergebung. Schenke uns den Blick für das, was noch kommt. Gib uns Vertrauen in das, was du möglich machen wirst. Darum rufen wir zu dir:
Kyrie eleison (Taizé)
Wir denken an die, die krank liegen und sterben müssen: Leben bis zuletzt; sich und die Menschen wahrnehmen können, die zueinander gehören; sich verzeihen, was schwer war; sich sagen können, was wir einander verdanken; Tränen haben für das, was zu Ende geht, und doch unerschütterlich zu der Hoffnung stehen, die Du uns schenkst: Das bitten wir für die, die gehen müssen. Und das bitten wir auch für uns, die, so Du willst, noch eine Zeit bleiben. Aber lass uns vorbereitet sein, und keine alten Sachen unsere Seele quälen. Zu Dir rufen wir:
Kyrie eleison (Taizé)
Vater unser ….
Lied: Christ ist erstanden
Segen